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Hardcore lives!

Nachbericht: Tells Bells 2014

Ist der Hardcore wirklich so tot, wie es einige behaupten? Nicht wirklich! Auf dem Tells Bells Festival konnten wir uns vom Gegenteil überzeugen.

Location
Das Tells Bells findet auf der Tellswiese am Stadtrand von Villmar statt. Die Beschallung geht in Richtung Wald, sodass die Villmarer Anwohner (abgesehen von etwas mehr Verkehr als sonst) vom Festival kaum etwas mitbekommen. Der Campingplatz liegt direkt hinter dem Infield und ist nur im oberen Teil einigermaßen eben und wird nach unten hin recht abschüssig. Vorteil: Absaufen kann da nichts, egal wie schlimm es schüttet. Wer nur Ton und kein Bild braucht, kann also das ganze Festival vom Campground aus verfolgen. Auf dem Gelände gibt es reichlich Mauselöcher, da werden Erinnerungen ans Summerbreeze 2012 wach... zum Glück tummeln sich hier aber im Gegensatz zum Breeze die Mäuse nicht unter bzw. in den Zelten (ein Kumpel von mir war auf dem Breeze deshalb etwas angefressen, genauso wie seine T-Shirts und seine Kutte).

Essen und Trinken
Die Preise für Essen und Trinken geben keinerlei Anlass zu Beschwerden (z.B. 0,3 l Bier 1,60 Euro, Currywurst 2,80 Euro). Neben Currywurst, Brat- und Rindswurst und Burgern gab es auch Frikadellenbrötchen und Schnitzelbrötchen für die Fleischesser, für die Vegetarier und Veganer war aber auch gesorgt. Als fleischlose Alternativen gab es nicht nur Pommes, sondern auch Ofenkartoffeln mit Tzatziki oder einem veganen Kräuterdip sowie eine vegane Gemüsepfanne mit Nudeln. Für so ein kleines Festival ist das schon ein beachtliches Angebot. Zu erwähnen ist auch, dass das Tells Bells komplett uneigennützig ist. Sämtlicher Überschuss wird an andere gemeinnützige Vereine und Organisationen gespendet.

Der erste Tag
Um kurz nach zehn bin ich mit der Bahn losgefahren. Durch Zufall treffe ich noch jemanden von der Crew im Zug, der mich bis kurz vors Festivalgelände mitnimmt. So habe ich knapp 25 Minuten Fußweg bergauf mit gut 30 kg Gepäck gespart.
Um 15 Uhr, als das Gelände geöffnet wird, ist weder dort noch auf dem Zeltplatz viel los. Die meisten hocken noch auf dem Zeltplatz, der direkt hinter dem Infield liegt. 

Den Opener geben ESCAPE MY FAREWELL, eine Metalcore-Band aus Niedernhausen. Zu dieser Zeit habe ich vor dem Fotograben noch sehr viel Platz, da die meisten noch auf dem Zeltplatz geblieben sind. Als Opener hat man oft das Problem, dass vor der Bühne nix los ist und genauso war es auch. Wobei das bisschen Regen wohl kaum als Entschuldigung taugt...
Nach knapp 20 Minuten Umbau geht es dann weiter mit VISIONS ONLY aus Weilmünster. Es steht melodischer Hardcore auf dem Programm. So langsam füllt sich auch der Platz vor der Bühne, aber der nun stärkere Regen etwa zur Mitte des Sets hält wohl immer noch einige davon ab, von den Bierbänken nach vorne zu kommen.
Besonders großes Pech hatten die Jungs von NO OPINION aus Garmisch-Partenkirchen. Die Punkrock-Combo stand geschlagene drei Stunden im Stau und konnte so leider nur etwas weniger als die Hälfte vom geplanten Set spielen. Bitter, aber so etwas kann eben passieren... Immerhin ist nun schon mehr los und der erste Moshpit wird gestartet.
Es geht weiter mit Metalcore von BRUTALITY WILL PREVAIL aus Wales. Sie geben gleich Vollgas und ab dem 2. Song wurde durchgemosht.
DEVIL IN ME aus Portugal kommen als nächstes. Die Härte lässt nicht nach, eher im Gegenteil: Es dauert nicht lange, bis es zur ersten Wall of Death kommt. Trotz allem könnte vor der Bühne noch ein wenig mehr Betrieb sein...
Nun folgen die Jungs von AUTHORITY ZERO aus Arizona. Auf diese Band haben offenbar viele gewartet, denn jetzt wird es richtig voll. Zu ihrer Musik, die sich am besten als Punk mit Hardcore- und Ska-Einflüssen beschreiben lässt, wird ordentlich abgefeiert.
Genau das Richtige für den späten Freitagabend, auch zur Förderung des Bierkonsums, folgt im Anschluss: THE REAL MCKENZIES aus Kanada machen mit ihrer Mischung aus Punk und Celtic Folk richtig Party. Wer diese Band nicht kennt und Flogging Molly oder Dropkick Murphys mag, sollte sie unbedingt mal live erleben.
Nach vielen guten Shows kommt nun der Headliner und die alles entscheidende Frage: Können DEEZ NUTS das noch toppen, was die anderen Bands schon abgeliefert haben? Ich würde sagen, ja. Die Hardcore-Formation aus Melbourne liefert von Anfang an eine sehr energetische Show. Es ist auch die einzige Band am Freitagabend, wo ich im Fotograben ein wenig auf das Publikum achten muss. Einige Crowdsurfer sind nun unterwegs und logischerweise brauchen die Securities Platz um sie abzufangen. Anschließend geht es noch im Partyzelt weiter bis spät in die Nacht.
Der zweite Tag
Etwa gegen 3 Uhr morgens schüttet es dann wie aus Kübeln und Blitze schlagen im Umkreis von weniger als einem Kilometer ein. Zwischendurch ist das Flutlicht auch mal aus. Am nächsten Morgen wird klar, dass das Gewitter auch viel Wind im Gepäck hatte, denn einige Pavillons und Zelte waren danach mehr oder weniger zerstört. Mein Zelt hat wie immer dicht gehalten und ist stehen geblieben (es hatte seinen ersten Einsatz dieses Jahr auf dem Ragnarök, als es am Samstagnachmittag einen Hagelsturm gab). Die Wiese ist offenbar in einem sehr guten Zustand gewesen, als das Festival anfing: Schlamm gab es trotz des heftigen Platzregens nämlich keinen, außer an der Wasserstelle neben den Dixis. Die sanitäre Versorgung ist auf dem Tells Bells wirklich gut gemacht: Selbst am frühen Morgen war auf den meisten Toiletten noch Papier vorhanden und sie waren auch noch vergleichsweise sauber - kein Vergleich zu dem, was einen frühmorgens auf Wacken erwartet hat.
Frühstück gibt es auf dem Festivalgelände nicht, aber der nächste Supermarkt ist mit knapp 15 Minuten Fußweg nicht so weit weg (ein Vorteil im Vergleich zu vielen anderen Locations, so gibt es z.B. in Buchenbach, wo das Boarstream stattfindet, nicht mal einen Bäcker). Auf dem Rückweg vom Supermarkt sah ich dann, wie durch die immer mal wieder auftretenden Sturmböen einer der Bauzäune umgefallen ist. Erst mal die Crew informiert und die umliegenden Camper gewarnt, dann wieder zurück zu meinem Zelt.
Um halb zwei geht dann schließlich auch das Musikprogramm los und PUSHSEVEN12 aus dem Rhein-Main-Gebiet eröffnen den Samstag. Wie schon am Freitag, ist beim Opener noch recht wenig los. Nach diesem Einstieg mit Rock wird es dann schon ein wenig härter: RoadRage folgen nun mit einer Mischung aus Punkrock und Heavy Metal. Irgendwann lassen sich auch schon die ersten Besucher zum Moshen motivieren...
Die Hardcore-Band BANE aus Worcester, Massachusetts zieht nun alle Register und liefert eine Show mit viel Action. Jetzt ist auch vor der Bühne richtig was los und ein Circlepit jagt den nächsten. Im Anschluss gibt es eine Verschnaufpause, denn jetzt kommt erst einmal ein Break im Set.
Kurz nach Bane denken viele - mich eingeschlossen - erst mal: WTF? Eine Hip-Hop-Combo auf nem Hardcore-Festival? KOPFHÖRER passen mit ihrem Genre nicht wirklich zum Festival, allerdings läuft das Spiel auch in die andere Richtung, denn die Punkband VMZT tritt auf dem von Hip-Hop dominierten Spack!-Festival auf. VMZT klinkt sich nun nach ein paar Songs mit ein und liefert so insgesamt gut eine Dreiviertelstunde Crossover-Punk.
Die nächste Truppe kommt aus Italien, spielt Ska und heißt NH3. Jetzt ist erst mal Party angesagt und vor der Bühne wird ausgiebig getanzt.
Es wird nun wieder härter, als mit ANCHORS & HEARTS aus dem hohen Norden die nächste Band die Bühne stürmt. Sie spielen melodischen Metalcore. Da dauert es nicht lange, bis vor der Bühne wieder Action ist...
Nun folgt die nächste Band aus Massachusetts, nämlich A WILHELM SCREAM. Mit ihrem aggressiven und dreckigen Sound, in den immer mal wieder ein paar melodische Elemente eingestreut werden, schaffen sie recht schnell einen großen Moshpit vor der Bühne.
Mit den RYKERS aus Kassel folgt nun eine Band, die schon sehr lange im Geschäft ist. Gegründet 1992 und zwischendurch zweimal aufgelöst, haben sie Anfang 2014 ein neues Album am Start. In ihrem an den klassichen NY Hardcore angelehnten Stil hört man sehr deutlich die Einflüsse aus dem Thrash Metal heraus. Für mich eines der Highlights des Festivals.
Der Co-Headliner H2O überzeugt mit einer Show, die sich mit dem gestrigen Auftritt von Deez Nuts durchaus vergleichen lässt.
RAISED FIST legen dann mit ihrer Show noch mal alles in Schutt und Asche. Aggressiver Hardcore trifft Gitarrenriffs, die an Schwedentod a´ la In Flames erinnern. Nur leider hatte ich am Schluss den Eindruck gewonnen, dass sie wohl nicht mehr so wirklich Bock auf mehr hatten. Eine Zugabe gab es, obwohl durchaus noch Zeit für wenigstens einen weiteren Song gewesen wäre.
Zum Abschluss gab es dann vor der Aftershow-Party noch ein Feuerwerk, das inzwischen zur Tradition des Tells Bells geworden ist.
Fazit
Ich habe ja schon Schlimmes befürchtet, als ich an die typischen Moshpits im Hardcore gedacht habe, aber so schlimm war es dann doch nicht. Klar, ein paar Violent Dancer gibts immer, aber auf dem Tells Bells war das alles im erträglichen Rahmen. Vor allem hat das Miteinander in der Pit gut funktioniert. Manchmal war einer gestolpert und lag noch nicht mal am Boden, schon haben ihn andere wieder aufgehoben und es ging weiter. Insgesamt muss man sagen, dass die meisten aus der Hardcore-Fraktion ähnlich friedlich und kollegial wie die Metaller sind. Ein paar schwarze Schafe gibts aber leider überall, unabhängig von der musikalischen Zugehörigkeit und von der Größe des Festivals. Meistens ist es die U20-Fraktion, die Ärger macht, aber das kennen wir ja auch von reinen Metal-Festivals...
Die Securities waren, soweit ich das selbst beobachten konnte, freundlich und entspannt. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass es im Fotograben keine Probleme gegeben hat, als dann doch mal einige Crowdsurfer unterwegs waren. Die Foto-Leute, mich eingeschlossen, haben das gesehen und freiwillig Platz gemacht, damit die Securities ihren Job machen können. Alles in allem war das Motto auf dem Tells Bells wirklich "Miteinander statt gegeneinander". Trotz allem bleibt es nicht aus, dass mal jemand komplett aus der Reihe tanzt und dann die Nacht auf dem Polizeirevier verbringen darf.
Eine Kleinigkeit könnte man noch verbessern: Mitunter war die Schlange für die Bon-Ausgabe neben den Essensständen sehr lang und es funktionierte nur eine Kasse. Einfacher wäre es, wenn man mit den Getränkebons auch an den Essensständen bezahlen könnte - einiges würde dann aufgrund der notwendigen Rundungen teurer werden, aber das dürfte nur die wenigsten stören, zumal die Preise wirklich human sind.

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Olli

Artikelinformation

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  • Autor: Olli (31) aus Mainz
  • Geschriebene Artikel: 13
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